Betablocker für Musiker

Betablocker für Musiker: Vorteile, Nachteile, Alternativen

Ich erinnere mich gut an diesen einen Tag vor über 20 Jahren, im Vordiplom. In einem Klassenvorspiel sollte ich vor ungefähr 30 Leuten ein Stück am Klavier spielen. Es war nur wenige Minuten lang und relativ einfach, jedenfalls aus meiner heutigen Sicht: Das Prélude Bruyères von Claude Debussy. Mir ging es eigentlich ganz gut damit, aber sobald ich am Flügel angekommen war, spürte ich mein Herz wie verrückt klopfen, die Aufregung... dann spürte ich mich selbst irgendwie gar nicht mehr. Anders gesagt, ich hatte irgendwie keine Kontrolle über mein Spiel. Meine Hände zitterten und ich konnte einfach nichts dagegen machen. Mein Kopf war woanders, ich war wie in einer anderen Sphäre, und mein Körper hat einfach irgendwas gemacht. Was soll ich sagen: Das Vorspiel lief nicht gut. Zurück an meinem Platz fühlte ich mich niedergeschlagen und beschämt. Zum Glück, das sagte ich mir selbst als Trost, war das nur ein internes Klaviervorspiel gewesen.

Es war nicht die erste und sollte auch nicht die letzte Situation sein, bei der ich starkes Lampenfieber bekommen hatte; es war jedes Mal ein bisschen anders, mal besser, mal weniger gut, aber immer fühlte ich diese Hilflosigkeit dabei. Deshalb wurde ich sofort hellhörig, als jemand eines Tages bei einem Meisterkurs im Nebensatz das Thema Betablocker erwähnte. Was? Wie? Es gibt Medikamente, mit denen man die Auftrittsangst wegnehmen kann?

Ja, die gibt es. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Musikerinnen und Musiker diese Betablocker auch nehmen. Aber nur wenige sprechen darüber; es ist nach wie vor ein heikles Tabuthema. Damit möchte ich heute brechen, indem ich dir meine persönliche Geschichte mit Betablockern erzähle.



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Symptome der Auftrittsangst


Was sind Betablocker und wie funktionieren sie bei Musikern?

Nach dieser ersten Erwähnung von Betablockern, in einem Gespräch bei diesem Meisterkurs, ließ mich der Gedanke daran nicht mehr los. Ich begann, zu recherchieren.

Betablocker, oder genauer gesagt Betarezeptorenblocker, sind Arzneimittel, die zur Behandlung verschiedener Herzkrankheiten eingesetzt werden; zum Beispiel Herzschwäche und die koronare Herzkrankheit. Auch bei Bluthochdruck werden sie oft verschrieben.

Einfach gesagt, senken Betablocker den Blutdruck und verlangsamen den Pulsschlag. Das funktioniert so: Auf den Zellen des Herzens, der Niere, der Blutgefäße und der Bronchien sitzen die sogenannten Betarezeptoren. Sie sind Andockstelle für Botenstoffe, zum Beispiel Hormone. Die Betablocker besetzen diese Rezeptoren, oder blockieren sie im wahrsten Sinne des Wortes, sodass die Hormone dort keinen Platz mehr zum Andocken finden.

Zu diesen Hormonen gehören auch Adrenalin und Noradrenalin, die den eigenen Stresspegel regulieren und großen Einfluss auf die Entstehung von Lampenfieber und Auftrittsangst haben. Setzen sich die Stresshormone an die Betarezeptoren, werden die verschiedenen Organe aktiviert. Die Blutgefäße verengen sich, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Atmung wird schneller, kurz: Wir sind nervös, gestresst und ängstlich.

In Maßen können Adrenalin und Noradrenalin das Musizieren regelrecht beflügeln, denn sie lassen uns besonders wach und aufmerksam sein. Viele Musiker berichten, dass sie mit ein bisschen Aufregung sogar besser spielen als ohne – manche von ihnen schätzen die Bühne so sehr, dass sie lieber auftreten anstatt proben oder üben.

Eine leichte Aufregung kann also eine positive Wirkung auf unsere Leistung als Musiker haben. Nimmt der Stress jedoch Überhand, kippt die Situation: die Hände zittern, kalter Angstschweiß lässt die Finger abrutschen, wir können nicht mehr klar denken und uns erst recht nicht konzentrieren. Bei einigen Musikerinnen und Musikern können die Symptome noch viel weiter gehen, bis zu Erbrechen und blockierten Bewegungen. Und das alles kurz vor dem oder während des Auftritts. Besonders heikel ist es, wenn es sich um ein Probespiel handelt, bei dem es um eine Festanstellung geht.


Bei welchem Alter hat das Lampenfieber erstmalig eingesetzt?


Betablocker für Musiker: Ein blinder Fleck

Ich muss dir wahrscheinlich nicht sagen, dass Betablocker, durch den Zusammenhang mit Lampenfieber, für manche Musiker ein Tabuthema ist, über das selbst mit engen Vertrauten oft nicht gesprochen wird. Eine Musikerin erzählte mir einmal, ihr Freund, ein Streichinstrumentalist, habe ihr gestanden, dass er vor jedem Konzert Betablocker nehme. Er hielt es wie ein schamvolles Geheimnis vor sich – er kam aus einer Musikerfamilie und sein Vater durfte das niemals erfahren.

Andere Musiker widerum behandeln das Thema wie eine Selbstverständlichkeit. Im Film »Das Vorspiel« (2019) von Ina Weisse spricht die Hauptdarstellerin mit ihrem Kollegen über ihre Probleme mit dem Bogenzittern. »Und Betablocker??«, fragt der Kollege selbstverständlich. In manchen Kreisen werden diese Präparate eingenommen »wie Gummibärchen«, so ein Musiker, mit dem ich mich darüber unterhielt.

Dieser Musiker, ein Flötist, erzählte mir von einem Probespiel, bei dem seine Lippen so sehr gezittert hatten, dass er kaum spielen konnte, wie er es gewohnt war. Beim Ausrufen derjenigen, die eine Runde weiter waren, nannte die zuständige Kollegin seinen Namen und sagte: »Herr X, beim nächsten Mal nehmen Sie einfach ein paar Betablocker…« – und das vor allen anderen Prüflingen. Der Musiker empfand diese Situation als erniedrigend: »Es hätte, wenn, dann auch privat kommuniziert werden können.«


Was ist der Auslöser der Angst?


Das heißt, die Ursache, warum Musiker Betablocker nehmen, starkes Lampenfieber, ist zunächst einmal bei den meisten von ihnen schambehaftet. Deshalb gibt es im Deutschland kaum belastbare Zahlen, wie viele Musikerinnen und Musiker diese Medikamente regelmäßig oder gelegentlich einnehmen.

Für Deutschland ist klar, dass zumindest das Centrum für Musikermedizin an der Charité Berlin und das Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin Hannover (IMMM) in der Vergangenheit bereits Betablocker verschrieben haben; das haben sie in Interviews bestätigt. An konkrete Zahlen zu kommen, ist trotzdem fast unmöglich. Privat erzählte mir eine Musikerin, sie habe von einem bekannten Arzt für Musikermedizin Betablocker verschrieben bekommen, quasi ohne Aufklärungsgespräch.

Der Direktor des IMMM, Eckart Altenmüller, sprach im Jahr 2010 von rund 60 Prozent der Solisten im Orchester, die ab und zu Betablocker nehmen. 2018 meldete sich der Berliner Psychoanalytiker Helmut Möller bei Deutschlandfunk Kultur zu Wort und schätzte, dass zwischen 30 und 50 Prozent aller Musikerinnen und Musiker im Orchester Beruhigungsmittel nutzen.

Ich denke, wir können also davon ausgehen, dass in Deutschland jeder zweite bis dritte Berufsmusiker schon einmal Betablocker genommen hat.

Auch für mich waren diese Medikamente damals verlockend: Nie wieder zitternde Hände und watteweicher Kopf beim Vorspielen. Wer wünscht sich das nicht? Ich ging in die Apotheke und fragte nach einem Betablocker-Medikament, das die Kollegen mit Namen kannten (was mich noch heute von den Socken haut, dass der Name dieses einen Präparats so geläufig war). Ich bekam es rezeptfrei – damals in Spanien war das möglich. In Deutschland sind Betablocker verschreibungspflichtig.

Ich nahm das Medikament nach Hause und gab mir Zeit, weiter zu recherchieren und zu überlegen, ob ich es wirklich nehmen wollte.



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Composed Dokumentarfilm


Betablocker für Musiker: der Versuch, Licht in das Thema zu bringen

Für Deutschland mögen die Zahlen, wie viele Musiker Betablocker einnehmen, unklar sein. Anders verhält es sich in den Vereinigten Staaten von Amerika. John Beder, Perkussionist und Filmemacher, beschloss im Jahr 2015 diesem Thema auf den Grund zu gehen, da er selbst an Auftrittsangst litt. Er begann, Musikprofessoren und Orchestersolisten in den Vereinigten Staaten zu interviewen und hatte bald so viel Material zusammen, dass er beschloss, mittels Crowdfunding einen Film fertig zu stellen. So entstand der Dokumentarfilm »Composed«. Ich beteiligte mich damals am Crowdfunding (ich erscheine in den Credits der Unterstützer als “Maria”) und stand nach dem Release der ersten Version 2016 mit John in Kontakt. Den Film »Composed« gibt es übrigens hier zu streamen über Vimeo.

Warum ich John erwähne ist nicht nur, weil er mit seinem Film einen wichtigen Beitrag zu dieser Diskussion geleistet hat. John sahn die Notwendigkeit, im Rahmen der Filmproduktion an belastbare und vor allem an aktuelle Zahlen zu kommen über die Einnahme von Betablockern und den Umgang mit starkem Lampenfieber bei Berufsmusikern. Die Conference of Symphony and Opera Musicians (ICSOM) hatte zuletzt im Jahr 1987 eine Befragung zu diesem Thema durchgeführt. ICSOM ist die einzige Organisation ihrer Art und vertritt 52 Orchester und über 4.000 klassische Musiker in den USA. 28 Jahre nach der letzten Umfrage entwickelte Beder zusammen mit ICSOM und diversen Gesundheitsspezialisten eine neue Umfrage: The 2015 Musician’s Health Survey.


Musiker mit Betablocker Erfahrungen


Anhand der obigen Grafik kann man sehen, dass der Anteil der Musiker, die schon einmal Erfahrungen mit Betablockern gemacht haben, 72% beträgt – mehr, als das angenommene für Deutschland, wo der Leistungsdruck nicht weniger hoch sein dürfte. Die Umfrage der ICSOM würde ich als repräsentativ erachten, immerhin vertritt sie 4.000 Orchestermusikerinnen und -musiker. Aus dieser Umfrage stammen die Grafiken in diesem Beitrag, die ich mit der Erlaubnis von Beder ins Deutsche übersetzt und neu aufbereitet habe.


Was hilft gegen das Lampenfieber?


In den Worten von Dirigent und Pianist Christoph Eschenbach: »Der Film erkundet, was wir Performer ausnahmslos alle erfahren und gut kennen – zuerst die Liebe zu unserem Handwerk und der Bühne und dann die Aufführungsangst am anderen Ende dieses schönen und aufregenden Spektrums. Herzlichen Glückwunsch an den Regisseur John Beder und sein Team für den Abschluss dieses Projekts und für die Einladung an uns alle zu einer sinnvollen und notwendigen Auseinandersetzung.«

Der Film ist definitiv sehenswert, obwohl er meiner Meinung nach das Thema etwas zu offen lässt. Frei nach dem Motto »you have to do what works for you« (du musst das tun, was zu dir passt), in den Worten Beders: »Letztendlich sind Betablocker nicht für jeden geeignet.«

Dieses Statement suggeriert, dass Betablocker einfach eine Möglichkeit im Spektrum an Lösungen darstellt, um mit Auftrittsangst umzugehen – im Gegensatz zu Betablocker als der einzigen Lösung für Lampenfieber. Doch um Betablocker als eine echte Alternative zu erwägen, braucht es eine gründliche Auseinandersetzung mit allen Aspekten, die dazu gehören. Betablocker haben auch ihre Schattenseiten, und genau darüber wird viel zu wenig gesprochen.


Die Schattenseiten von Betablockern für Musikerinnen und Musiker

Folgendes klingt wirklich toll 👉🏻Wenn du zwei bis drei Stunden vor einem Auftritt Betablocker nimmst, bist du weniger nervös und kannst, wenn es gut läuft, konzentriert, entspannt und fehlerfrei spielen. Das klingt besonders interessant, wenn man, so wie ich damals, bei wirklich jedem Vorspiel kaum noch ohne Zittern auskommt.

Diese Medaille hat jedoch eine zweite Seite. Musikerinnen und Musiker, die Betablocker nehmen, haben oft eine getrübte, weniger scharfe Wahrnehmung und reagieren langsamer als normal. Einige erzählen von Atemproblemen, Ohrensausen und Depressionen, oder davon, dass sie zwar nicht mehr aufgeregt sind, ihnen das Spiel dafür aber auch egal geworden ist.

In anderen Worten – Betablocker, wie alle Medikamente, haben Nebenwirkungen. Manche Menschen vertragen Betablocker gut, aber einige dieser Nebenwirkungen können sein (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Blutdruckabfall, Zunahme einer Herzinsuffizienz (falls diese bereits besteht), Bradykardie (das heißt, der Puls geht unter 60), Störung der renalen Perfusion (die Niere wird nicht mehr so gut mit Blut versorgt), kalte Hände und Füße (kontraproduktiv für Musiker, da wir genügend Blut in allen Muskeln brauchen, vor allem in den Fingern), Müdigkeit, Schwächegefühl, Schwindel, Albträume, Erektionsstörungen, hypoglykämischer Zustand (zu wenig Zucker im Blut), Insulinsekretion geht runter (das heißt, der Zucker kommt in den Zellen nicht an – eigentlich das Gegenteil von dem, was wir Musiker brauchen). Bei Asthma sind Betablocker kontraindiziert, da sie Asthmaanfälle verursachen können; ebenso kontraindiziert sind sie bei Bradykardie und bei niedrigem Blutdruck. Ein Musiker, den ich befragte, bekam Betablocker als Migränevorbeugung verschrieben und fühlte sich bei der Einnahme so “schwummrig”, dass er sich nicht vorstellen konnte, jemals damit aufzutreten. Bei einem anderer Musiker sank der Blutdruck noch mehr, als er sowieso schon war.

Die Quellen zu den obigen Angaben findest du am Ende dieses Artikels.



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Die Polyvagal-Theorie nach Stephen Porges

Lampenfieber findet ja im Autonomen Nervensystem statt. Das ist der Teil unseres Systems, den wir nicht bewusst steuern können (denn sonst würde niemand von uns Lampenfieber haben, denke ich mal). Deshalb finde ich in diesem Zusammenhang besonders interessant, was Stephen Porges, Begründer der Polyvagal-Theorie, zu diesem Thema sagt. Wir machen eine kurze Eskapade in das Nervensystem.

Früher ging man davon aus, dass das Autonome Nervensystem aus zwei Komponenten besteht, Sympathikus und Parasympathikus, und dass der Mensch sich im Wechsel zwischen diesen beiden Polen, zwischen Aktivierung (Stress) und Deaktivierung (Ruhen, Verdauen) bewegt. Der Sympathikus ist demnach für die Mobilisierung von Energie und Kraft zuständig, der Parasympathikus für Entspannung. Der wichtigste Nerv im parasympathischen System ist dabei der Vagus; wird dieser stimuliert, entspannen wir uns. Ein einfaches Prinzip.


Sympathikus Parasympathikus


Nach Porges’ Theorie ist es jedoch so, dass der Vagus eine doppelte Funktion hat. Porges bemerkte in den 1990er Jahren, dass dieses “einfache” Prinzip nicht immer so schlüssig war. Es gab eine Diskrepanz zwischen der Vagusstimulierung und den Effekt auf den Menschen. Der Effekt war manchmal gegensätzlich als erwartet. Dabei fand er den Schlüssel: Dass der Vagusnerv nicht nur eine, sondern zwei Funktionen hat. Daraus ergibt sich der Name Polyvagal: Poly (viele) und Vagal (Vagus). Der Vagusnerv ist also nicht nur für die Entspannung zuständig (erste Funktion), sondern auch für das sogenannte Soziale System (zweite Funktion). Dadurch ergeben sich drei Komponenten im Autonomen Nervensystem: Der Sympathikus, der Teil des Vagus, der für Entspannung sorgt und der Teil des Vagus, der das Soziale System bildet.


Autonomes Nervensystem


Ist die Komponente des Sozialen Systems in dem Moment dominant, sind wir auf andere Menschen hin ausgerichtet, können wir einander zuhören und uns verbunden fühlen, entweder miteinander, mit uns selbst, oder mit unserer Umgebung. Das ist möglich, wenn das Nervensystem eine Situation als sicher empfindet.

Erhalten wir Signale, die unser System als “Gefahr” deutet, beispielsweise der Gedanke an ein Probespiel, mobilisiert unser Sympathikus ausreichend Energie. Das Soziale System tritt in den Hintergrund (die Übergänge sind hierbei fließend) und unser Nervensystem beschäftigt sich damit, uns in Sicherheit zu bringen. Dafür wird mehr Energie und Kraft im System bereitgestellt, etwa durch das Herzrasen, denn es handelt sich um die Kampf/Flucht Reaktion. Diese gesamte Reaktion steuert das Autonome Nervensystem (ANS) von selbst und darauf haben wir keinen bewussten Einfluss. (Und deshalb funktionieren kognitive Anweisungen nicht wirklich, oder nur, wenn wir nicht zu aufgeregt sind.)

Bei manchen Musikern wird die Auftrittsangst so stark, dass sie sogar leistungsverhindernd wirkt. Dann zittern sie am ganzen Körper, oder müssen sich übergeben, bekommen ein Blackout oder fallen gar in Ohnmacht. In diesem Fall ist die dritte Komponente des ANS dominant und sorgt dafür, dass nicht alles an Energie “verpufft”, denn die Hauptaufgabe des ANS ist es, unser Überleben zu sichern. In diesem Fall hat das Nervensystem die Situation als “lebensgefährlich” eingestuft und reagiert entsprechend. Ich reiße das Thema hier kurz an, ohne es sehr in der Tiefe behandeln zu können, aufgrund dessen, dass hier das Thema Betablocker ist.


Bei welchen Situationen ist die Angst am Größten?


Laut Porges ist unser Autonomes Nervensystem also ständig dabei, ohne unser bewusstes Zutun unsere Umgebung nach Signalen für Sicherheit oder Gefahr abzusuchen (Neurozeption genannt, welches meint, dass es rein auf der neuronalen Ebene statfindet und nicht auf der kognitiven) und auf diese zu reagieren (Adaptation) – je nach Situation ist ein anderer Zweig des ANS dominant. Dabei gibt es keinen “guten” oder “schlechten” Teil des ANS – idealerweise wollen wir angemessen auf jede Situation reagieren, mit der wir in Berührung kommen.

Bei Musikerinnen und Musikern, die starke Auftrittsangst empfinden, ist der sympathische Zweig des ANS dominant – sie empfinden die Bühne dann als eine Art Bedrohung und sind auf Kampf oder Flucht ausgerichtet.

Ist die sympathische Erregung nur gering, ist es Musikerinnen und Musikern möglich, das Soziale System weiterhin zu engagieren, den Zuschauern zugewandt zu bleiben, und können deshalb trotz Aufregung, oder besser gesagt, gerade durch diese leichte Aufregung, ein brillantes Spiel zeigen.

Fun Fact: Alle drei Komponenten des Autonomen Nervensystems haben einen Zugriff auf das Herz. Das heißt, sowohl Sympathikus als auch der Parasympathikus können den Herzschlag beeinflussen. Wenn Betablocker eingenommen werden, wird jedoch diese “Schnittstelle” (um es mal so zu sagen) des Nervensystems blockiert. Das gesunde Zusammenspiel zwischen dem Vagus und dem Sympathikus, die ja beide auf das Herz wirken sollen, ist gestört. Der ständige, fließende Wechsel zwischen den Zuständen kann nicht mehr stattfinden. Damit bewahren sich Musikerinnen und Musiker vor dem schwierigen Zustand der Angst, aber verhindern auch, dass das Soziale System greifen kann. Sie funktionieren, aber sie kommunizieren, sie brillieren nicht.


Fazit: Weniger Angst zu einem hohen Preis, und ein Ausblick

Dieses drückte eine Pianistin mir gegenüber klar und deutlich aus. Ich hatte damals, wie gesagt, die Betablocker schon gekauft, und beschloss eine befreundete Pianistin zu fragen, die etwas älter war als ich: Kannte sie sich mit dem Thema aus? Was waren ihre Erfahrungen?

In der Tat hatte sie Betablocker in der Vergangenheit schon mehrmals genommen. »Ja, ich konnte auch entspannt spielen, und mein Puls war ruhig wie in meinem Wohnzimmer. Das ging eine Weile gut und ich nutzte Betablocker für meine Aufregung. Aber einmal ging ich auf die Bühne und spielte die Bahms-Händel Variationen. Ich hatte Betablocker genommen, und ich spielte wirklich alles ruhig und entspannt – aber mir war alles sowas von egal, was ich gerade spielte. Bei Brahms! Ich hatte kein Gefühl zur Musik. Das war’s für mich. Hab sie nie wieder genommen.«

Noch am selben Abend kam ich zu Hause an und nahm die ungeöffnete Packung Betablocker in die Hand. Ich zog einen Blister heraus und schaute sie mir an, diese kleinen weißen Tabletten. Mein Gefühl und die Liebe für die Musik war der einzige Grund, warum ich Musik überhaupt machen wollte. Das war mein Antrieb, mein Ein und Alles. Ohne das ergab es keinen Sinn, Klavier zu spielen. »Es wird anders gehen«, sagte ich mir und warf die Packung weg. Der Preis, den ich körperlich und psychisch bei der Einnahme hätte zahlen müssen, war mir zu hoch. Ich konnte wenige Zeit später mein Lampenfieber auf andere Art überwinden.


Wann sollte über Auftrittsangst gesprochen werden?


Über das Thema Auftrittsangst offen zu sprechen und es nicht zu tabuisieren wäre ein erster Schritt dahingehend, Musikern mehr Lösungswege aufzuzeigen. Dadurch, dass Betablocker für mich nicht in Frage kamen, musste ich mich an anderen Lösungen orientieren. Einerseits war es in größten Teilen Körperarbeit aller Art, andererseits war es die Zusammenarbeit mit Menschen, die mich und mein Potenzial gesehen haben. Oft ist es dadurch, dass wir uns wahrlich verstanden und gesehen fühlen, dass etwas in uns sich öffnet und bereit ist, ein bisschen mehr Risiko einzugehen.

Die Kombination von Körperarbeit und Kontakt zu guten Lehrern fand ich in meinem Fall essentiell. Bis ich die Resonanzlehre kennen lernte, hatte ich das Lampenfieber “gut im Griff”, würde ich sagen. Ich war schon wirklich zufrieden eigentlich, aber nicht immer konnte ich das Lampenfieber kontrollieren. Ab dem Moment, wo ich die Resonanzlehre kennen lernte, erschlossen sich mir komplett neue Werkzeuge. Ich konnte wirklich mit meinem Körper Musik machen und mich dabei wohl fühlen. Dank der Körperübungen der Resonanzlehre meisterte ich letztendlich die für mich bis dato größten künstlerischen Herausforderungen als Musikerin – die größte von allen war es, am Cembalo solistisch zu agieren und gleichzeitig ein Orchester von dort aus zu leiten. Ich gehe jetzt raus auf die Bühne und in mir ist nur noch Freude und ein Impuls, mit meinem Publikum und Mitspielern zu kommunizieren. Dafür waren die Klangbewegungen der Resonanzlehre verantwortlich.

Eine meiner letzten Teilnehmerinnen im Flow-Seminar schaffte eine Umwandlung von quasi 180° innerhalb von wenigen Monaten. Bei einer der ersten Stunden spielte sie vor und kam stark ins Zittern. Es war offensichtlich, dass Auftreten für sie eine schwierige Situation darstellte. Einige Monate später spielte sie wieder vor und wir machten eine Einzeleinheit am Instrument zusammen. Ihr Spiel war wie Tag und Nacht, sie war wie verwandelt. War das dieselbe Teilnehmerin? Sie war präsent, kompetent, hatte einen schönen Klang, gestaltete mit Leichtigkeit. Was war in der Zwischenzeit passiert? Unter anderem hatte sie die Körperübungen regelmäßig praktiziert, hatte mit mir zusammen gelernt, anders zu üben und sich selbst zuzuhören. »Ich stehe kurz vor meiner Masterprüfung und fühle mich jetzt kompetent, ich kann das.« Die Verwandlung und diese Selbstverständlichkeit… Das hat mich sehr berührt. Der Gegensatz zum Anfang… Sie erzählte weiter: »Alle haben es gemerkt, dass ich jetzt anders spiele: meine Kommilitonen, mein Prof auch. Mein Prof denkt, es ist sein Verdienst, aber ich weiß, es ist wegen dem Flow-Seminar«, sagte sie, und wir mussten alle lachen. Diese Musikerin hatte einen Weg für sich gefunden, ihre Auftrittsangst aufzulösen.

Wollen wir es mal zugeben: manchmal fühlen sich Dinge sehr, sehr, sehr unangenehm an. Unser natürlicher Impuls ist es, diese Gefühle oder Körperreaktionen wegzubekommen. Und zwar so schnell wie möglich. Wir können probieren, den Körper zu kontrollieren, wie bei einer Maschine einen Knopf zu drücken und dann, Zack, haben wir keine Angst vor dem Auftritt mehr, die Hände sind ruhig, der Kopf auch. Aber letztendlich hemmen wir dadurch auch einen Teil unserer Lebendigkeit und unseres künstlerischen Ausdrucks.

Es gibt zum Glück andere Wege, die wir bei Lampenfieber und Ängsten einschlagen können, bei denen wir mit unserem Körper arbeiten und ihn besser verstehen. Doch selbst das Einnehmen von Betablockern wird in der Musikercommunity teilweise stigmatisiert. Es wird auch darüber geurteilt – wenn jemand Betablocker nimmt. Daher ist es nicht so leicht, dass Musiker den Kreis durchbrechen wollen und sich nach Alternativen umschauen. Hier ein Beispiel nach einer Befragung von meiner Seite: Erst, als durch die Nebenwirkungen der Betablocker die Gesundheit eingeschränkt wurde, beschloss ein Musiker, mit Betablocker aufzuhören. Sein Fazit: »Dann trete ich eben nicht mehr vor Publikum auf.«

Musik ist pure Resonanz, pures Fließen, und Auftrittsnervosität kommt daher, dass unser Körper irgendwann mal gelernt hat, auf diese Situation mit starker Aufregung, Blockieren und Zittern zu reagieren. Auftrittsangst ist aus Sicht des Nervensystems eine Bewältigungsstrategie aus der Vergangenheit. Den schnellen Knopf zu drücken mithilfe der Betablocker bringt uns weiter weg von der eigentlichen Ursache. Es braucht Mut, uns zu trauen, uns Stück für Stück das anzuschauen, was einem freien Musizieren im Wege steht, oder was das Zittern auslöst. Wenn wir das tun, können wir lernen, unseren Raum einzunehmen, oder anders gesagt, mehr Raum einzunehmen: In einer neuen Präsenz und Selbstverständlichkeit als Musiker oder Musikerin. Denn Resonanz braucht Raum, auch in uns – dann können wir mit unserer Umgebung im Fluss sein und unsere Musik nach außen bringen.



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* Quellen zu den Nebenwirkungen: 1. Embryotox: Embryotox - Metoprolol. Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie. Abgerufen am: 13.03.2020. // 2. Lüllmann et al.: Pharmakologie und Toxikologie. 15. Auflage Thieme 2002, ISBN: 3-133-68515-5. // 3. Wehling (Hrsg.): Klinische Pharmakologie. 1. Auflage Thieme 2005, ISBN: 3-131-26821-2. // 4. Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012 // Vielen Dank an Salomé Harth für die Referenzen und die Unterstützung bei der Recherche.
Quellen im Internet: https://www.herzstiftung.de/infos-zu-herzerkrankungen/gerinnungshemmung-und-medikamente/betablocker
https://www.lifeline.de/medikamente/betablocker-id148708.html
https://dasorchester.de/artikel/musiker-auf-betablocker/
https://www.deutschlandfunkkultur.de/leistungsdruck-im-konzertsaal-mit-beruhigungsmittel-auf-die.2165.de.html?dram:article_id=412996
https://www.wiwo.de/erfolg/trends/lampenfieber-ein-teufelskreis-des-zitterns/22871800-2.html
https://www.karriereletter.de/lampenfieber-ist-gut-tipps-fuer-den-umgang-mit-einem-aufregenden-phaenomen/
http://www.dr-helmut-moeller.de/Dateien/LampenfVeroef..pdf
https://www.icsom.org/senzasordino/2017/06/the-2015-musicians-health-survey-results/

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