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Hinweis: In diesem Artikel geht es um emotionale Abkopplung beim Musizieren und die daraus entstehenden Folgen: unter anderen Lampenfieber, Verkrampfungen und Schmerzen beim Musizieren, beispielsweise durch Sehnenscheidenentzündung oder Karpaltunnelsyndrom. Wegen meines Werdegangs und Familiengeschichte spreche ich über diese Themen nicht aus Erfahrung, sondern aus meinen Beobachtungen heraus: Zu oft begegnet mir in meinen Einzelcoachings das Profil des Musikers oder der Musikerin, die an Lampenfieber oder Schmerzen beim Musizieren leidet und solche Erfahrungen in ihrer Jugend durchgemacht hat.

Musikerkrankheiten sind ein systemisches Problem. An anderer Stelle habe ich meine Beobachtungen darüber geteilt, wie die Musikermedizin mit diesen Themen umgeht, und dass Mediziner sich bessere Fragen stellen könnten, wenn sie über Musikerkrankheiten forschen. In diesem Text geht es mir darum, einen Einblick in dieselbe Thematik zu geben aus einer anderen Perspektive: die des Nervensystems aus den neuesten Forschungen der Neurobiologie und aus der unserer Beziehungen untereinander, als Familien und als Kollegen. Wenn wir Musiker und Pädagogen uns selbst bessere Fragen stellen, können wir ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der mentalen Gesundheit von Musikern geleistet. Im Übrigen verwende ich alternativ die männliche und weibliche Form von Begriffen, um das Lesen zu erleichtern.


Das entscheidende Vorspiel: die Zwischenprüfung am spezialisierten Musikgymnasium

Anna sitzt im vollen Konzertsaal mitten im Publikum und wartet. Ihr Schüler Alexander soll hier gleich seine Zwischenprüfung spielen, doch wo bleibt er nur? Seit der letzten Geigenstunde vor zehn Tagen hat sie ihn nicht mehr gesehen. Zum Unterricht ist er nicht erschienen, und seine Mutter wusste leider von nichts. Sie tritt auf den Flur, schaut sich um. Nichts.

Zugegeben, sie merkt schon, da in dieser letzten Geigenstunde, es kann sein, dass sie da zu weit gegangen ist. Das ist ihr auch schon ein wenig unangenehm. Aber gleich alles hinschmeißen? Alexander hat so viel Talent! Als sie ihn bei der Aufnahmeprüfung für das Musikgymnasium zum ersten Mal gehört hat, wusste sie: der hat was. Er könnte es schaffen. Sie hatte sich in der Prüfungskommission gegen ihre Kollegen durchgesetzt und ihn als ihren Schüler aufgenommen. Und jetzt, bei der Zwischenprüfung, wird sich zeigen, ob sie recht hatte.

Nur, dafür muss Alexander auch erscheinen und vorspielen.

Das ist der Beginn der Schlussszene im Film "Das Vorspiel". Angefangen hat alles in demselben Hörsaal, mit Alexanders erstem Auftritt vor der Kommission. Im Film geht es um vielerlei Arten von Vorspielen: bei Famlienanlässen, Aufnahmeprüfungen, Zwischenprüfungen, Konzerten...


Einblicke in ein systemisches Problem

Der Film gibt einen Einblick in den (ganz normalen?) Alltag im Musikgymnasium, mit der Geigenlehrerin Anna, dem Schüler Alexander und auch Jonas, der ebenfalls Geige spielt und aufs Musikgymnasium geht. Nur, mit einem feinen Unterschied: Jonas ist Annas Sohn.

Zum Kinostart letzten Januar habe ich den Film im Kino gesehen und sofort gemerkt: Das ist unser fachliches Pendant, auf Seiten der Musiker, zu meinem Artikel über Musikermedizin. denn auch wir als Musiker stehen in der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Musikerkrankheiten gar nicht erst entstehen.

Musikerkrankheiten sind ja leider nicht ansteckend. Sie sind quasi selbst verursacht, könnte man sagen - oder auch nicht. Denn der Musikbetrieb, mit seinen unmöglichen Anforderungen, die bereits im Kindesalter beginnen, zwingt Musikerinnen und Musiker manchmal dazu, über das gesunde Maß hinauszugehen. Dieses Problem ist systemisch. Der Film bietet einen kleinen Einblick in diese Welt, wenn auch durch eine sehr fokussierte Brille. Selbstredend zeigt er nicht alles, was an einem Musikgymnasium passiert. Dort gibt es natürlich auch positive, begeisterte, engagierte Lehrer*innen, die ihre Unsicherheiten nicht auf ihrer Schülerinnen abwälzen.

Ich finde den Film wertvoll, alleine weil hier eine Grundlage bereitgestellt wird, auf der wir anfangen können, über die systemischen Ursachen zu sprechen: von der Belastung, mit der viele Musiker aller Altersstufen täglich leben müssen.

Gedreht wurde "Das Vorspiel" am Carl-Philipp-Emmanuel-Bach-Gymnasium, ein bekanntes Berliner Musikgymnasium. Diese Kinder müssen einen "Haydn"spaß beim Drehen gehabt haben, weil, wenn man vom Film ausginge, haben sie normalerweise wenig zu lachen. Habe ich übertrieben? Ich weiß es nicht. Ich war nicht auf einem Musikgymnasium. Aber so manche meiner Klienten waren das.

Eine Person, die ein Streichinstrument spielt und ein solches spezialisiertes Musikgymnasium in Deutschland bis zum Abitur besucht hat, vertraute mir bei einer Sitzung an, sie habe sich nach besagtem Abitur selbst in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen. Das hat mir dann doch zu denken gegeben. Wenn man sich den Film anschaut, ist das gar nicht so weit hergeholt.


Die Aufnahmeprüfung von Alexander: Er wäre um ein Haar nicht reingekommen

In der ersten Szene des Films sieht die Geigenlehrerin Anna den 14-jährigen (13-jährigen? schwer zu sagen) Alexander auf der Bühne für einen Platz am Musikgymnasium vorspielen und sagt sich: Den nehme ich unter meine Fittiche, der kann richtig gut werden. Selbst gegen die Kolleginnen und Kollegen der Jury muss sie sich während der Nachbesprechung durchsetzen:

Kollegin: Ach Mensch, diese jungen Leute kommen mit so schlechter Technik! Anna: Aber sein Ton ist schön. Kollegin: Was nützt ihm sein schöner Ton, wenn er keine Technik hat? Und seine Schulter, total steif! Anna: Dafür sind wir doch da. Wenn er schon alles könnte, bräuchte er nicht zu uns zu kommen.

Es wird per Handzeichen abgestimmt, ob Alexander als Schüler aufgenommen wird. Das Ergebnis: 3 zu 3.

Vorsitzender zu Anna: Sind Sie sicher, dass er das Probehalbjahr besteht? Anna: Ja, das schafft der. Vorsitzender: Gut, dann kommt er zu Ihnen.

Und Anna freut sich.

Und am Anfang tut sie genau das, was eine gute Geigenlehrerin tut: Sie hält das schützende Händchen über ihren Schüler. Alexanders Mutter möchte gerne bei der ersten Geigenstunde dabei sein. Anna bittet sie, draußen zu warten. Die Mutter, überrascht: "Aber wie soll ich denn seine Fortschritte sonst mitverfolgen?" Anna: "Dafür ist es noch zu früh." Punkt für Anna. Das ist eine von den Guten, denke ich mir als Zuschauerin. Anfänglich noch.


Anna, Alexander und Jonas: Unsicherheit, Schüchternheit, Sehnsucht

Anna hat einiges am Laufen. Neben den Stunden am Gymnasium hat sie zur Zeit eine Anfrage von einem befreundeten Quintett: Christian, ihr Kollege vom Musikgymnasium, spielt im Quintett das Cello und möchte sie als Einspringerin für ein Konzert gewinnen. Im Ensemble spielen gute Leute, total nette Musiker, aber Anna ist unsicher. Sie hat schon lange nicht mehr gespielt, vor allem nicht in der Liga.

Alexander befindet sich im Geigentunnel. Alexander ist, wie man allgemein sagen würde, fürs Violinspiel begabt. In seinen Augen sehe ich bereits die Scheuklappen: Er schaut nicht nach links oder rechts, für ihn gibt es nur die Geige, mit seinen 13-14 Jahren. Er übt, was Anna sagt, ist extrem kooperativ im Unterricht, und obwohl er anfangs tatsächlich wenig aus sich herauskommt, merke ich als Zuschauerin ebenfalls: der hat was, der könnte wirklich strahlen.

Jonas, Annas Sohn, ist anders. Im Gegensatz zu Alexander ist sein Blick offen: er sucht. Vor allem sucht er seine Mutter, die den ganzen Tag nur mit sich selbst beschäftigt ist. Jonas schwimmt zwischen seinem fürsorglichen Vater, der sich am ehesten um ihn kümmert, und seiner abwesenden Mutter. Der Konflikt mit Alexander ist quasi vorprogrammiert.

Wenn ihn seine Mutter doch mal auf etwas anderes als auf das Geigespielen ansprechen würde!

Beim Hereinkommen in die Wohnung geht sie in Jonas' Zimmer. Er übt gerade. Anstatt zu sagen, "Hey, wie war dein Tag? Ich bin wieder da", unterbricht sie ihn mit Anweisungen: "Du musst einen anderen Fingersatz nehmen, dann klappt es." Sie schaut in die Noten: "Und hier, fang doch mit Abstrich an“, radiert die Notizen ihrer Kollegin, krakelt mit fettem Bleistift den Abstrich in die Noten rein. "Probier’ mal so!" Aber sobald er die Geige anlegt und anfängt, zu spielen, ist sie schon wieder woanders, verlässt den Raum, Jonas bleibt alleine mit der Anweisung zurück.


Erste Schritte: Der Beginn einer fruchtvollen Zusammenarbeit

Was der Film schön herausbringt, ist die Zusammenarbeit von Lehrerin und Schüler, Anna und Alexander. Nach und nach kann Anna Alexander ein wenig aus sich herauslocken. Wie sie ihn anfangs immer wieder erinnert: "Warum spielst du so schnell? Du hast doch was zu sagen mit dieser Musik. Nimm dir mehr Zeit." Oder: "Du spielst doch gerne schnell, oder? Probier doch mal dieses Stück hier von Bach."

Das Presto aus der e-moll Partita.

Dieses Stück wird ab dem Moment quasi der wichtigste Fokus des Unterrichts. Alexander soll es in der Zwischenprüfung vortragen, die über seinen Verbleib am Gymnasium entscheiden wird. Das Stück ist schwer, und es ist schnell, und Alexander kann das mit der Zeit spielen, das weiß sie. Sie arbeitet konzentriert mit ihm, und Alexander wird immer besser.


Der erste runde Höhepunkt - als die Geschichte kippt

Doch plötzlich spitzt sich die Lage zu. Die Sache kippt.

Und zwar finde ich genial, wie die Regisseurin diesen Moment zeigt: In einer dieser Geigenstunden, in denen Alexander das Presto von Bach spielt, überkommt einem die Gänsehaut beim Zuhören. Es wird immer runder im Ton, und auf einmal spüren wir Alexander in seiner Musik. Er strahlt mit der Kraft und der Zartheit seiner Jugend, spielt und spielt, und man möchte ihm nur noch weiter zuhören, so schön ist es im Ton, so sehr spüren wir den Menschen dahinter. Er ist wirklich aus sich herausgekommen. Und genau in diesem Moment bekommt Alexander Nasenbluten. Und es ist der Moment, in dem seine Geschichte kippt.

Er muss sofort mit einem Taschentuch versorgt werden; Anna hilft ihm dabei. "Geht schon", sagt Alexander, und geigt weiter. Doch das Bluten setzt wieder ein; die Geigenstunde muss unterbrochen werden. Für mich ist dieser Moment bezeichnend, denn ab diesem Punkt spitzt sich die Lage zwischen Anna, Alexander und Sohn Jonas zu. Jonas, der immer und immer wieder zwischen der Sehnsucht nach seiner Mutter und der Konkurrenz mit Alexander ringt, wird den Mitschüler in Zukunft öfter zu sehen bekommen, als ihm lieb ist.


Eine Musik, die Familien spaltet

Alexander besucht noch am selben Nachmittag des Nasenblutens Anna bei sich zu Hause, um die restliche Geigenstunde zu nehmen. Außerhalb ihrer Arbeitszeiten ist das für sie selbstverständlich, ihren Schüler noch bei sich aufzunehmen und ihm nicht nur Unterricht anzubieten, sondern auch gleich ein gemeinsames Abendbrot mit ihrer Familie. Jonas kocht.

Es gibt noch eine andere Szene, in der verdeutlicht wird, wie in Annas Familie Musik nicht verbindet, sondern trennt. Gleich nach der Aufnahmeprüfung am Anfang des Films feiert Anna ihren Geurtstag im Kreise Ihrer Lieben: Philippe, ihr Mann, und Jonas sind da, und auch der Vater von Anna und seine Frau. An einem bestimmten Moment sagt der Großvater zum Jungen: "Spiel doch mal was auf der Geige vor." Jonas schaut seine Eltern an. "Du musst nicht", sagt Anna. Letztendlich greift Philippe zur Gitarre und singt ein Lied für sie. Weit entfernt von der musikalischen Exzellenz, die an einem Musikgymnasium oder Berufsorchester erwartet wird, spielt er ein einfaches Stück, ein französischer Chanson. Philippes Lied trifft mitten ins Herz. Trotzdem bekomme ich beim Zuschauen das Gefühl, dass diese Musik nicht ganz in diese Familie passt.

Klassische Musik, die sogenannte elitäre klassische Musik, zieht sich durch Annas Familie durch. Nicht nur war ihre Mutter Musikerin, sondern Annas Ehemann Philippe ist Geigenbauer; zu ihm kommen viele befreundete Kollegen, auch Christian, der Cellist des Quintetts. So manche Stunden verbringt Jonas in der Werkstatt seines Vaters - der einzige in der Familie, der eine gesunde Beziehung zu Musik hat. Philippe baut Jonas auf, kann viele seiner Frustrationen auffangen; irgendwann spricht er Anna direkt darauf an, dass sie die beiden Jungs gegeneinander ausspielt: "Was machst du denn da eigentlich mit deinem Sohn?"


Wenn die Sache kippt, ist es zu spät

Wir erkennen erst hinterher, wenn es ins Ungesunde übergeschwappt ist. Weil wir, in unserem Bestreben besser zu werden, vergessen, die kleinen Schritte zu erkennen und den Überblick zu behalten. Irgendwann kippt es, und wir merken, Mist, das war jetzt zu viel. Mist, ich bin jetzt tierisch aufgeregt auf einmal. Mist, mein Bogen zittert.

"Mein Bogen hat gezittert", erzählt Anna ihrem Cellokollegen Christian. Etwa zur selben Zeit mit dem Nasenbluten von Alexander sieht sich Anna mit ihren eigenen Unsicherheiten konfrontiert, in Bezug auf das Quintett. Sie erzählt ihm bei einem gemeinsamen Spaziergang, warum sie schon länger nicht mehr spielt. Bogenzittern. Er fragt, beiläufig: "Und Betablocker?“ Anna winkt ab: "Ach, das ist nichts für mich. Ich hab immer nur Ausschlag davon bekommen!" Ihm vertraut sie sich an, aber helfen kann er ihr nicht. Wie auch.


Die Unsicherheit wächst und wird zum Problem

Bei der ersten Probe mit besagtem Quintett kann sie sich wacker halten. Das Quintett probiert Vertretungen für die zweite Geige. Sie spürt richtige Ehrfurcht, mit diesen Leuten zu musizieren (im Film gespielt von den Mitgliedern des Kuss Quartetts). Die Probe läuft gut; beim Abschied heißt es "Dann kommende Woche, gleiche Zeit?" nur, dass Anna das nicht als Aufforderung versteht. Sie denkt, sie hat einen Scheißjob gemacht und fühlt sich nicht zur nächsten Probe eingeladen. Daher kommt sie auch nicht, was alle überrascht. Das erfährt sie erst hinterher von Christian. Doch, doch, sie möchten mit ihr spielen. Hä? Das überrascht sie. Irgendwie sagt sie dann doch zu, das Konzert mit dem Quintett mitzuspielen.

Bei besagtem Konzert rutscht ihr der Bogen aus der Hand, etwas spektakulär, kann mal passieren, danach beginnen sie das Stück von Neuem und der Auftritt läuft gut. Die Kollegen sind sichtbar zufrieden. Doch sie, in ihrer Unsicherheit, ist nicht in der Lage zu erkennen, dass es gut gelaufen ist. Sie verschließt sich regelrecht vor dieser Möglichkeit.

Ich kenne dieses Gefühl von mir selbst, und von anderen Musikern, die zu mir kommen. Jeder hat mal dieses Gefühl, denke ich. Ich habe zu Genüge nach Konzerten diese Gedanken gehabt, Scheiße, hat das jetzt gereicht? Ich weiß es nicht. Die Kolleginnen gratulieren, das Publikum ist begeistert, und trotzdem blieb bei manchen Konzerten der Gedanke: Das hätte doch besser laufen können. "Bin ich gut genug?" ist eine Frage, die wir uns alle stellen. Doch bei manchen geht das mit dem inneren Kritiker zu weit.


Wenn der innere Kritiker alles andere überschattet

Annas Mann versucht sie zu überzeugen, dass sie gut genug ist, spielt ihr irgendwann später im Film eine Tonaufnahme vor.

"Schön", sagt sie. "wer spielt da?" "Du", sagt er. Eine ältere Aufnahme. "Ach, da hatte ich ja noch gar keine Ahnung."

Ihr geht nicht in den Kopf rein, dass sie irgendetwas zu sagen hat auf der Bühne. Sie ist innerlich nur damit beschäftigt, ihr Unzulänglichkeiten vor den anderen zu kaschieren.

Anna, die sich sehr selten erlaubt, sich fallenzulassen, selten bei ihrem Mann, vielleicht eher bei Christian, der ihr Liebhaber ist. Aber auch da ist sie eher übergangweise. Von allen Menschen in ihrem Leben schafft sie es, sich zu distanzieren. Ihre Zerrissenheit und Unsicherheit projiziert sie irgendwann auf Alexander. Der bekommt das eins zu eins ab.

Wenige Wochen vor dem Vorspiel im Geigenunterricht:

Anna: Wie viele Stunden übst du am Tag? Alexander: Zwei Stunden. Anna: Dann übst du ab jetzt vier Stunden. Alexander: Hatten Sie nicht gesagt, es kommt auf die Tiefe an, nicht auf die Menge? Anna (geistesabwesend): Manchmal kommt die Tiefe eben durch die Menge.

So beginnt Anna, ihr schützendes Händchen schrittweise von Alexander wegzunehmen.


Der Moment der Übergriffigkeit

Und dann kommt besagte letzte Geigenstunde vor dem Vorspiel, in der Anna, durch die Frustration im Konzert, die innere Spannung nicht mehr halten kann, und dann mit sich selbst und Alexander ungeduldig wird. Ihn immer mehr fordert, er soll immer wieder dieselbe Stelle im Presto wiederholen. Er verbessert sich zwar, aber dann kippt das auch noch mal. Es ist ihr noch nicht schnell genug. Er soll noch schneller spielen. Sie schlägt den Takt mit dem Bleistift auf den Holztisch. Er kommt nicht mehr mit.

Dann pusht sie ihn, es wird willkürlich, sie unterbricht ihn bei jedem Ton, „Nein, nochmal!“ - „Nein!“ - Sie lässt ihn immer wieder beginnen, bricht sofort ab. Sie schaltet das Metronom ein. So baut die Regisseurin langsam die Spannung auf, und die Zuschauer merken schon, wohin das führt. Alexander kann nichts richtig machen, egal, was er jetzt tut, es wird immer falsch sein. Anna ist nicht zufriedenzustellen.

Als sie in ihrer Verzweiflung merkt, dass sie so nicht vorwärts kommt, fängt Anna an, Alexander verbal mit seinen Baustellen zu attackieren: „Lass doch endlich mal die Schulter runter!“ Als das nichts bringt, geht sie über in die körperliche Übergriffigkeit. Sie befiehlt ihm, sich den Gürtel auszuziehen. Als er verneint, zieht sie ihn ihm mit Gewalt selbst aus.

Sie nimmt den Sandsack, der normalerweise dafür da ist, die Fenster offen zu halten, und bindet ihn Alexander mit dem Gürtel an die rechte Schulter. Unter der linken Achsel klemmt sie ihm eine leere Toilettenpapierrolle. Die soll auch nicht runterfallen jetzt.

"Und jetzt spiel nochmal!"

Er spielt, aber er versagt, geht ja auch nicht anders, es ist bereits gekippt. Diese Erniedrigung bringt bei Alexander dann endlich das Fass zum Überlaufen; die Wut kommt hoch, zu lange hat er das ausgehalten, er schmeißt die Konstruktion von sich, packt seine Geige ein und rennt wortlos hinaus, mit Tränen in den Augen.


Was hier passiert ist, aus Sicht des Nervensystems

Wir machen mal eine kurze Eskapade in das Nervensystem, weil wir auch mal gerne vergessen, dass in uns biologisch gesteuerte Abläufe stattfinden, die wir wenig kontrollieren können. Es ist nicht alles im Kopf, so sehr manche sich das wünschen.

Es gibt in uns ein biologisches Grundbedürfnis nach Nähe und Geborgenheit. Das ist kein Nice-to-have: Bei Experimenten, in denen Babys und Kleinkinder mit ausreichender Nahrung versorgt wurden, jedoch keiner körperlicher Nähe ausgesetzt waren, sind diese Kinder teilweise gestorben. Wir brauchen dieses Gefühl, dass wir irgendwo, idealerweise in der Familie, geborgen sind. Stellt sich dieses Gefühl nicht ein, gehen Menschen mit einer erhöhten körperlichen Grundspannung durchs Leben. Denn wenn die Anspannung nicht über das Nervensystem an den Erwachsenen abgegeben werden kann, muss das Kind diese selbst im Körper halten.

Auch der Unterrichtsraum ist meiner Meinung nach ein Ort, wo Schüler das Gefühl haben müssen, dass sie aufgefangen werden und geborgen sind. Lehrer sind natürlich in der Aufgabe, Schüler zu fordern und zu fördern, doch wenn nur gefordert wird, kann sich dasselbe Phänomen wie in der Familie ergeben: Es gibt keinen Moment zu Ankommen, daher muss die Spannung im eigenen Körper getragen werden. Das Kind muss sich dann irgendwann abschotten, abspalten von seinem eigenen Erleben, um diese Spannung auszuhalten. Merken wird es das kaum, denn es geht ja ums Funktionieren, und um weiter zu funktionieren muss dieser Anteil irgendwo in ihm weggesperrt werden. Auch das ist biologisch sinnvoll und vorgesehen. Ob das gesund ist, steht auf einem anderen Blatt.

Nun haben wir eine junge Geigerin, der durch die Umstände, entweder zu Hause oder im Unterricht, im schlimmsten Fall in beiden, mit einer erhöhten Anspannung durchs Leben geht. Dieser junge Mensch ist noch dazu, wie man sagt, begabt. Von ihr wird Großes verlangt, entweder von den Eltern oder von der Schule, im schlimmsten Fall von beiden. Dieser Schülerin nun, die begabt ist und alles hat und alles könnte, und die eine erhöhte Grundspannung in sich trägt, wird mit einer noch größeren Spannung belastet: Wenn sie nicht die Zwischenprüfung besteht, fliegt sie von der Schule. Vielleicht ist diese Spannung nicht belastend, oder die Schülerin merkt sie nicht. Vielleicht besteht sie diese Prüfung mit Bravur. Und die Anforderungen werden wachsen, so auch die Anspannung. Irgendwann wird sie das daran erkennen, dass ihr Körper die immer größer werdende Spannung nicht mehr halten kann. Die Abschottung ist an dem Punkt schon längst vollzogen. Die Abschottung beginnt in dem Moment, in dem sie einen Teil von sich wegsperren muss, um in ihrem Alltag klarzukommen.

Das war z.B. der Fall von Anna im Film. Anna kam an den Punkt, an dem ihr Bogen stark gezittert hat Bogenzittern zeugt davon, dass im Körper eine größere Anspannung herrscht und diese sich nicht abbauen kann. Keiner konnte ihr wirklich helfen, und schließlich gab sie das Geigespielen auf.

Im Film ist Anna nun eine gestandene Frau: Sie hat einen Mann, einen Sohn und eine feste Stelle am Musikgymnasium. Sie bekommt die Gelegenheit, wieder ein Konzert zu spielen - mit Kolleg*innen, die sie selbst sehr schätzt und die für sie quasi unereichbar erscheinen. Sehr schön zeigt das die Szene, in der sie bei Ankunft zur ersten Probe im bei einem der Musiker im Hausflur darauf wartet, abgeholt zu werden - ähnlich wie beim Arzt beispielsweise - ganz anders als wie ich das kenne: In der Regel würden wir den Raum betreten, auch wenn die Kollegen bereits spielen, um schon einmal das Instrument auszupacken und die Noten vorzubereiten.

Dieses Konzert versetzt Anna derartig unter Druck, dass sie sich nirgendwo anders Luft verschaffen kann als im Unterricht mit Alexander. Anstatt sich jemandem anzuvertrauen und loszulassen, greift sie den Schwächeren an. So kommt die oben beschriebene Violinstunde und die Übergriffigkeit zustande.


Der Effekt von Übergriffigkeit auf den jungen Musiker: die Abspaltung

Schließlich kommt der entscheidende Termin: das Vorspiel, die Zwischenprüfung, die Schlussszene des Films. Anna sitzt im Hörsaal und wartet auf Alexander, dass er sein Presto von Bach für die Zwischenprüfung spielt. Aber Alexander ist nirgends zu sehen. Nachdem Anna eine ganze Weile nach ihm gesucht und auf ihn gewartet hat, gibt sie schließlich auf.

Und auf einmal, als letzter Teilnehmer, steht er da auf dem Podium. Anna hatte es nicht bemerkt, wie er sich noch durch den Hintereingang reingeschlichen hatte. Er steht auf der Bühne, wie erwartet, und trägt sein Presto von Bach vor. Lupenrein. Rasend schnell.

Und Anna, man sieht es ihr an: Anna ist jetzt richtig stolz auf ihren Schüler. Ja, die harte Arbeit hat sich gelohnt. Er spielt hervorragend. Später werden ihr alle Kollegen aus der Kommission wertschätzend gratulieren, dass sie nicht nur ein gutes Auge für ihn gehabt, sondern ihn auch noch brilliant unterrichtet und hervorragende Arbeit als Lehrerin geleistet hat.

Was Anna in ihrem Stolz nicht merkt, ist dass Alexander auf der Bühne quasi nicht anwesend ist.

Und dieser Punkt ist für mich von höchster Bedeutung; er ist unglaublich wichtig, und in dem Film sehr gut getroffen:

Alexander hat zwar brilliant gespielt, aber er kommt in seiner Musik nicht mehr vor. In seinen Augen ist Leere. Es strahlt auch längst nicht mehr das rüber, was diese reine Kraft und Zartheit ist, die er sehr wohl vor einiger Zeit gezeigt hat. Sein Spiel ist mechanisch, ohne Leben.

Und das Schlimmste ist: keiner merkt das. Alle sind nur begeistert. Die Mitschüler, die Lehrerschaft, seine Mutter. Und besonders Anna.

Alexander spielt abgespalten von sich selbst, und keiner hat es gemerkt.

Spätestens hier sollte uns klar werden, warum Musikerkrakheiten ein systemisches Problem sind. Alexander ist kein Einzelfall. Auch Anna ist kein Einzelfall. Wenn Alexander weiterhin so spielt, ist er auf bestem Wege, seine Abschottung weiter zu verdichten, und wird eventuell nicht mitbekommen, wann er beispielsweise aufhören sollte zu üben, wann das gesunde Maß für ihn erreicht ist.

Und Jonas? Der hat mehrere Leute, die auf ihn Acht geben: einmal sein Vater und dann seine Geigenlehrerin. Jonas bekommt am Ende des Films sogar die volle Aufmerksamkeit seiner Mutter - ein verstrickter, sehr komplizierter Fall. Den Schluss möchte ich hier nicht preisgeben. Der Film bleibt bis zur letzten Szene ein tragisches Drama.


Darf alles sein im Namen der Exzellenz?

Was mir immer noch nicht in den Kopf reingeht, ist, wie diese, unsere Kultur der Pädagogik der klassischen Musik darauf basiert, dass alles durchgeht im Namen der Exzellenz. Dass begabte Schülerinnen und Schüler, und später auch Studierende der klassischen Musik, fast alles über sich ergehen lassen müssen: künstlich erzeugter Druck, Beleidigungen, Erniedrigungen, Übergriffe.

Der Einzelunterricht ist in der künstlerischen Ausbildung die beste Methode, von jemandem zu lernen - die Nähe braucht Vertrauen und eine Öffnung des Schülers oder der Studentin. Dieses Setting braucht jedoch gleichzeitig Verantwortung des Lehrers, seine Macht nicht zu missbrauchen.


Nach dem Vorspiel ist vor dem Vorspiel

Es geht immer um das nächste Vorspiel. Nach dem Konzert ist vor dem Konzert. Nur Berufsmusiker der klassischen Musik finden es in Ordnung, keinen einzigen Tag Pause zu machen. Der Druck, die Konkurrenz, der Wettbewerb: All das treibt Musiker an, jeden Tag weiter zu machen, auch wenn der Körper und der Geist nach einer Pause regelrecht schreien. Jedes Vorspiel fühlt sich an, als ob es für den Rest der Laufbahn entscheiden würde. "Ein Musiker ist nur so gut wie sein letztes Konzert", heißt es.

Auch wir sollten uns anschauen, wie wir mit unseren Schülern sprechen, wie wir ihnen begegnen, wie wir Druck auf sie ausüben. Ein wenig pushen mag ja auch Spaß machen und uns zu unserer Bestleitung führen. Da gilt es, dass wir unseren Bereich kennen, in dem wir diese Höchstleistung erbringen können: der Bereich des Flow. Das ist der, in dem die Aufgabe nicht zu schwer ist, dass sie uns überfordert, und nicht zu einfach, dass sie uns langweilt. Den Punkt zu treffen ist die wahre Kunst, sowohl für uns als auch für unsere Schüler und Studenten. Ich finde zentral, dass wir diese Kompetenz erweitern, uns selbst und die Menschen um uns herum feiner wahrzunehmen. Denn es kann nicht sein, dass Musik, die in sich pure Resonanz ist, Familien spaltet und die Menschen, die sie ausüben, krank macht, sowohl körperlich als auch mental.




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