Was ist Alexander-Technik für Musiker?

Begründet wurde die Alexander-Technik von Frederick Matthias Alexander (1869-1955) (Wikipedia), einem Schauspieler, der schon in jungen Jahren festellte, dass er beim Spielen seine Stimme verlor. Nach und nach entwickelte eine Arbeit, die darin besteht, Bewegungsmuster zu entdecken, anzuhalten und den Körper neu zu orientieren. Er gewann an hoher Popularität in den englischsprachigen Ländern, insbesondere Großbritannien. Er veröffentlichte vier Bücher: Man's Supreme Inheritance (1910/1918), Constructive Conscious Control of the Individual (1923), The Use of the Self (1932) und The Universal Constant in Living (1940). Ausbildungen an andere Alexander-Technik-Lehrer*innen erfolgten schon in den frühen Jahren seiner Tätigkeit, und noch heute genießt seine Methode an weltweiter Popularität, insbesondere unter Musiker*innen.

Eine Alexander-Technik Stunde ist meistens im Einzelunterricht und findet ganz oft nicht am Instrument statt. Im Unterricht von Alexander-Technik steht vielmehr im Mittelpunkt, sich seiner Muster bewusst zu werden und diese zu unterbrechen, indem man nach einem ersten Impuls (oder Reiz) innehält (Alexander nannte es Inhibition). Beispielsweise wird auch sehr oft daran gearbeitet, wie man aufsteht oder sich hinsetzt. Das sind einfache Alltagshandlungen, die häufig vorkommen und viele unserer Bewegungsmuster tragen. Erst deutlich später, nachdem der Schüler etliche Stunden aufstehen und sitzen praktiziert hat, kommt es zu einer Stunde am Instrument. Manchmal kommt man auch direkt ans Instrument - das hängt von jedem Lehrer*in ab. F.M. Alexander äußerte sich nicht über Klang oder Musik, und aus diesem Grunde obliegt es in der Hand eines jeden Lehrers oder Lehrerin, seine oder ihre eigene Interpretation der Lehrern Alexanders beim Musizieren anzuwenden.



Was ist Feldenkrais?

Moshé Feldenkrais (1904-1984) (Wikipedia) begründete seine Methode als eine "Lernmethode" im weitesten Sinne: Sie soll Menschen ermöglichen, durch Bewegung in Kontakt mit sich selbst zu kommen und sich so eigenmächtig neue Grenzen zu erschließen. Feldenkrais praktizierte die asiatische Kampfkunst Jiu-Jitsu und Judo, und arbeitete später als Wissenschaftler im Bereich der Physik. Er galt als ein begnadeter Lehrer und entwickelte mit der Zeit, nach einer Knieverletzung, seine Bewegungsmethode, die noch heute von angesehenen Hirnforschern wie Gerald Hüther geschätzt werden. Seine Bücher sind u.a. (deutsche Ausgaben): Bewusstheit durch Bewegung (1968), Abenteuer im Dschungel des Gehirns. Der Fall Doris. (1981), Die Entdeckung des Selbstverständlichen. (1987), Die Feldenkrais-Methode in Aktion. Eine ganzheitliche Bewegungslehre. (2006), Das starke Selbst. Anleitung zur Spontaneität. (1992), Der Weg zum reifen Selbst. Phänomene menschlichen Verhaltens (2002). Seine Schriften sehe ich persönlich als unerlässlich an, wenn man sich mit dem Thema Bewegung auseinander setzen möchte. Auch Feldenkrais hat viele Lehrer*innen ausgebildet und die Methode genießt auch eine große Popularität.

In den Feldenkrais-Stunden, die gerne auch in der Gruppe stattfinden, führen Schüler*innen auf einer Matte liegend verschiedene kleine oder größere Bewegungen mit hoher Bewusstheit aus. In spielerischer Art und Weise entdecken die Teilnehmer*innen neue Verknüpfungen zwischen verschiedenen Körperteilen und können so ihr Potenzial entfalten. Auch im Fall von der Feldenkrais-Methode gibt es hier keine direkte Anwendung am Instrument, es sei denn, der Lehrer oder Lehrerin der Feldenkrais-Methode hat seine oder ihren ganz persönlichen Zugang dazu zu vermitteln.



Was ist Resonanzlehre?

Begründet wurde die Resonanzlehre 1990 vom Violinisten Thomas Lange (*1960). Nach einer Sehnenscheidenentzündung in beiden Armen sah sich Lange als junger Violinstudent dazu gezwungen, mit dem Spielen vollständig aufzuhören. Es folgte ein Rundgang von Spezialist zu Spezialist, ein Kontakt zu verschiedenen Bewegungsverfahren wie Alexander-Technik oder Feldenkrais, Aikido, etc. Es wurde besser, aber Lange berichtet davon, nicht komplett schmerzfrei zu sein. Erst, als sich Lange beim Üben mit der Resonanz seines Klanges beschäftigte, begann er, erhebliche Fortschritte zu machen. Seine Schmerzen verschwanden und, mehr noch: das Üben wurde zu einem körperlich erfrischenden Prozess. Er konnte bald wieder auftreten und bekam Anfragen von anderen Musikerkolleg*innen, ihnen zu zeigen, wie auch sie schmerzfrei spielen konnten. Lange entwickelte eine außerdem ganze Reihe von Körperübungen im Stehen und im Sitzen (auch Klangbewegungen genannt) und auf dem Boden liegend (sogenannte Bodenübungen), die Musikern ermöglichen, sich einen gelösten und freien Körper, der Klänge durch sich durchlassen kann, einen regelrechten Resonanzkörper also, anzutrainieren. Lange hat noch kein Buch zu seiner Arbeit veröffentlicht, dafür andere Lehrer*innen, wie zum Beispiel mich, ausgebildet. Insgesamt gibt es aktuell 16 Lehrer*innen der Resonanzlehre. Eine junge Methode also.

Eine Resonanzlehre Einzelstunde (bei mir heißt das dann Einzelcoaching) sieht von Außen wie Hauptfachunterricht aus, nur mit dem Unterschied, dass folgende Themen im Vordergrund stehen: Klangqualität, Organik im Gegensatz zu Technik, Emotion in der Musik und im Klang, Körper in Zusammenhang mit Klang, Hören, und so weiter. Es geht darum, wie Musiker*innen sich selbst in die Lage versetzen können, dass Verspannungen und Schmerzen beim Spielen gar nicht erst entstehen, und wie sie die Bewegungsqualität erreichen, die ihrem Potenzial kompletten Ausdruck verleiht. Es kommen ebenfalls Musiker*innen zur Resonanzlehre, die schon sehr gut sind und die einfach nur noch besser werden wollen, beziehungsweise weniger Energie bei ihren Auftritt verbrauchen wollen. Im Vordergrund aller Anweisungen steht ein zentraler Gedanke: Welche Bewegung ist günstig für Klang? Der Klang und das Hören stehen bei der Resonanzlehre an erster Stelle, noch vor dem Thema Bewegung. Ebenso wird Resonanzlehre nur von Berufsmusiker*innen unterrichtet, denn diese Arbeit geht über Bewegung und Klang hinaus und ist eine künstlerische Arbeit.



Unterschied Nummer 1: Resonanzlehre wurde von einem Musiker für Musiker*innen entwickelt

Fakt: Das Hauptmaterial, mit dem Musiker*innen arbeiten, ist ihr Klang.

Der Leitsatz der Resonanzlehre lautet: "Je müheloser die Bewegung, desto resonanzreicher der Klang". Alle Elemente des Musizierens und des Körpers bedingen einander, das heißt, dieser Satz funktioniert auch in seiner umgekehrten Form: "Je resonanzreicher der Klang, desto müheloser die Bewegung". Der Klang ist hier entscheidend - der Klang spiegelt alles, was wir in Bewegung am Instrument umsetzen. Wir nutzen hier also nicht nur Informationen über das körperliche Wohlbefinden, um Entscheidungen zu treffen, sondern über Klangqualität. Die Fragen: Wie bewege ich mich?, und zusätzlich auch: Wie klinge ich, wie hört es sich an? machen, dass in den Sitzungen der Klang als entscheidender Faktor in die Methode von Grund auf eingewebt ist.

Bei Alexander-Technik für Musiker*innen oder Feldenkrais für Musiker*innen ist das nicht der Fall: Diese Methoden wurden nicht mit Musik oder Klang als entscheidenden Faktor entwickelt; die Anpassung der Körperarbeit an die Bedürfnisse der Musiker*innen hängt stark von der Qualität der Lehrer*in ab.



Unterschied Nr. 2: Die Steuerung der musikalischen Bewegung geht vom Körperschwerpunkt aus

Fakt: Der menschliche Körper ist dem Gesetz der Schwerkraft untergeordnet.

Es gibt ein physikalisches Gesetz, das lautet: "Eine Masse lässt sich am Leichtesten über ihren Schwerpunkt bewegen". Wenn wir bei der Bewegung von den Schwerpunkten ausgehen, ist das die mühelose Bewegung aus dem Leitsatz der Resonanzlehre. Bewegung soll demnach aus dem Schwerpunkt des Körpers initiiert werden, Teilsegmente des Körpers werden über die Teilschwerpunkte (beispielsweise Armschwerpunkt) bewegt. Dafür gibt es in der Resonanzlehre mehrere Sets von Körperübungen (im Stehen, im Sitzen, im Liegen auf dem Rücken, im Liegen auf der Seite, etc), die dem Körper diese Bewegungsqualität einlesen, in anderen Worten, wieder beibringen.

Feldenkrais bestätigt dieses Gesetz der Bewegung aus den Schwerpunkten und die Körperarbeit von Feldenkrais ist größtenteils darauf ausgerichtet.

Bei der Alexander-Technik ist das anders; dort ist der Initiator der Bewegung die sogenannte „Primärsteuerung“, die darin besteht, das Kopfgelenk frei zu haben, sodass der Hals frei wird, sodass der Rücken lang und weit wird, sprich: Bewegungen sollen ab dem Kopfgelenk geführt werden. In meiner Erfahrung verursacht eine Steuerung der Körpers über dem Kopfgelenk eine leicht artifizielle Bewegungsqualität, die bar jeder Spontaneität ist. Es gibt nicht umsonst in der Alexander-Technik Community den Begriff "Alexandroid", für jemanden, der die Kopfsteuerung zu stark übertreibt. Das ändert außerdem nichts an der Tatsache, dass das physikalische Gesetzt weiterhin bestehen bleibt: "Eine Masse lässt sich am Leichtesten über ihren Schwerpunkt bewegen." Der Schwerpunkt des Körpers liegt nicht am Kopf, sondern im Unterbauch, in der Mitte der Hüfte.



Unterschied Nummer 3: Die Atmung soll der Bewegung folgen, und nicht umgekehrt.

Fakt: Der Körper ist biologisch in der Lage, sich selbst mit ausreichender Atmung zu versorgen.

Sonst würden wir ja nachts beim Schlafen nicht mehr aufwachen. Der Körper steuert die Atmung über das Autonome Nervensystem. Es gibt nur leider einen kleinen Haken: Viele von uns haben das natürliche Atmen verlernt, durch das wiederholte Eingreifen in das Autonome Nervensystem, etwa durch Stress, durch zu viel Stillsitzen in der Schule, durch das Wiederholte Starren auf einen Bildschirm (Fließt deine Atmung jetzt gerade frei, während du das liest?).

In der Körperarbeit der Resonanzlehre ist mit eingebaut, diese natürliche Verbindung zwischen Bewegung und Atmung wiederherzustellen, indem beim Ausführen der Übungen immer wieder darauf geachtet wird, ob der Atem frei fließt. Der Körper lernt dadurch, sich selbst zu versorgen und zu organisieren. Beim Anwenden am Instrument gibt es dann unterschiedliche Bedürfnisse für Sänger*innen und Blasinstrumentalist*innen und für die anderen Musiker*innen, die mit ihrer Atmung nicht an die musikalische Phrase gebunden sind. Dazu in diesem Artikel eine Kieferübung, sowie Empfehlungen von mir.

Feldenkrais-Übungen beziehen die Atmung mit ein; es gibt hier viele Überschneidungen mit der Körperarbeit der Resonanzlehre. Es scheint oft hin- und herzugehen zwischen Übungen, in denen die Atmung führt, und solchen, in denen die Atmung folgt. Selbstverständlich ist beides möglich; in der Resonanzlehre wird eher darauf geachtet, dass die Atmung der Bewegung folgt, aus einem ganz einfachen Grund: Später, beim Musizieren, soll die Atmung nebenbei laufen und spontan aus der Bewegung heraus entstehen. In der Körperarbeit der Resonanzlehre trainieren wir den Körper, sich selbst mit ausreichender Atmung zu versorgen.

Bei der Alexander-Technik wird natürlich auch auf eine freie Atmung geachtet - der Weg dahin ist meines Erachtens nur etwas umständlich und unspontan. Es wird darauf Wert gelegt, dass man nur die nötigsten Bewegungen ausführt (manche nennen das Ökonomie der Bewegung), und das bringt den Körper bereits in eine eher „defensive“ Einstellung - dass die Atmung dann frei fließt, ist das Ergebnis jahrelanger Übung mit dieser Technik.



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