Wie du einen bleibenden Eindruck als Chorleiter hinterlässt
Er hatte das schönste Dirigat der Welt und war fünf Jahre lang mein Chorleiter, damals in Barcelona. Wenn man im Durchschnitt 120 Mal im Jahr zusammen singt, sammeln sich einige Erfahrungen an - ein Konzert ist mir besonders in Erinnerung geblieben.
Er kam eines Tages zur Probe mit verbundenem linken Arm nach einem Skiurlaub – Armbruch. In der Zeit probten wir mit einem Gastdirigenten und, wie üblich bei Laienchören, war mein Chorleiter bei der Probe anwesend, ohne selbst dirigieren zu müssen. Wenige Tage später sollten wir jedoch ein A-Cappella Konzert mit ihm singen. Wie würde es dann aussehen?
Zugegeben, für dieses Konzert kannten wir die Musik sehr gut – es war unser Standardprogramm, mit dem wir pro Saison ca. 30 Konzerte sangen. Doch ohne Chorleiter ging es nicht, nicht bei einer Gruppe von 70 Laiensängern, die darauf nicht vorbereitet waren.
Wie schafft man es, die Expressivität des Dirigats mit nur einem Arm zu zeigen, der ja auch den Schlag zeigen soll? Was macht man, wenn das schönste Dirigat der Welt einem nicht mehr zur Verfügung steht?
Der Auftritt fand im Zentrum Barcelonas statt, in der kleinen Kirche von Santa Anna. Heimspiel. Der Moment war gekommen – er stand vor uns, den linken Arm in der Schlinge, neutralisiert, den rechten Arm frei – und gab den ersten Einsatz. Schnell wurde uns klar, dass seine Körpersprache in diesem Konzert eine ganz andere war. Wir sahen ihn und sangen und kamen aus dem Staunen nicht raus.
Er zeigte mit den Augen, mit seinem Gesicht, mit seinem gesamten Körper – und dirigierte die Musik neu. Und wir, die diese Musik fast auswendig kannten, die auch ihn, unseren Chorleiter, fast auswendig kannten, so viele Stunden hatten wir über Jahre mit ihm zusammen verbracht – wir erlebten ihn und uns selbst ganz anders. In diesem Konzert musste ich beim Singen oft die Tränen zurückhalten; wir sangen mit ihm und für ihn – und es war, als gäbe es nichts zwischen uns.
Noch immer denke ich an dieses Konzert zurück; wie unser Chorleiter sein perfektes Dirigat still beiseite legte und sich darauf vorbereitete, mit seinem ganzen Körper zu dirigieren. Denn ganz gleich, wie sehr wir ihn schätzten – das größte Geschenk machte er uns an diesem Tag, an dem er uns diesen neuen Zugang ermöglichte. Doch dafür ist kein Armbruch notwendig, es ist nicht einmal notwendig, aufs Dirigat zu verzichten. Sondern einzig und allein ehrlich zu uns selbst zu sein und mit dem zu arbeiten, was gerade zur Verfügung steht. Das ist mehr als genug – ganz gleich, was andere sagen. Und wenn wir das Neue einladen wollen ...?
... Braucht es vielleicht manchmal nichts anderes, als sich nicht mehr zu verstecken.
Dieser Text entstand 2017, zum Anlass meiner Einladung, beim Weltsymposium für Chormusik (WSCM11) einen Vortrag über meine Arbeit zu geben – und mit Chorleitern zu teilen, wie sie die Emotion der Musik mit ihren Chorsängern zusammen in den Klang bringen.



Ich bin Maria Busqué, Cembalistin, Pianistin, Klavierpädagogin und Resonanzlehrerin in Berlin.