Sieben Ideen für wenn du Schmerzen hast beim Musizieren

Ich war vorgewarnt worden.

Ich saß mit den anderen Studenten im Treppenhaus der Jugendherberge, im Klavier-Sommerkurs in Cervera, Katalonien. Morgens, nachdem wir vom Frühstück zurückgekommen waren, roch dieses Treppenhaus immer nach Chlorreiniger. Wir saßen zu fünft oder zu sechst, warteten auf irgendwen, wie das so ist, wenn man in Meisterkursen unterwegs ist. Ich kann mich nur an das Thema des Gesprächs erinnern, das ist mir ins Gedächtnis eingebrannt:

Verletzungen beim Üben.

Ich erfuhr an diesem Tag, dass wenn man bestimmte Passagen beim Üben oft wiederholte und es zu stark übertreib, man an einen Punkt kommen würde, bei dem man ganz aufhören musste zu spielen. Weil es so wehtat.

Meine Augenbrauen gingen unwillkürlich hoch. Verletzen beim Spielen von Musik? Und dann aufhören müssen? Davon hatte ich noch nie gehört.

»Ja, da muss man höllisch aufpassen, das ist mir vor ein paar Jahren passiert«, sagte Oriol, einer der Studenten. »Ich konnte mich davon auch wieder erholen, aber mein Spiel ist seitdem nicht mehr so, wie es mal früher war. Also pass ja auf.«

Ich war vorgewarnt.

Oriol wusste: Ich fing gerade erst an, mit allem. Üben. Spielen. Aufnahmeprüfungen vorbereiten.

Ich war 19 und hatte gerade mal zwei Jahre Klavierunterricht.

Ich glaube, ich habe es dem Gespräch mit Oriol zu verdanken, dass ich mich über die Jahre nie verletzt habe, trotz dem Gefühl, die »verlorene Zeit wieder aufholen zu müssen«. Vielleicht war es auch gekoppelt an meine Aufmerksamkeit und Hören auf meinen eigenen Körper. Während und vor allem nach dem Studium habe ich mich viel mit Körperwahrnehmung für Musikerinnen und Musiker befasst. Mittlerweile habe ich die angewandte Musikphysiologie zu meinem Beruf gemacht und arbeite heute fast täglich mit Musikerinnen und Musikern, die Schmerzen haben und diese mit meiner Unterstützung auflösen möchten.

Hier sind einige Hinweise von mir für dich aus meiner Praxis, wenn Musizieren dir Schmerzen verursacht. Nimm von diesen Hinweisen zu dir, was dir gut tun würde; ich hoffe, ich kann ein kleines bisschen dazu beitragen, dass du dich besser fühlst.

Hinweis: Wenn ich in diesem Beitrag von Schmerzen spreche, dann meine ich einen Schmerz, der stark ist und hartnäckig, und seit einiger Zeit präsent. Geringer Schmerz, der in einem Tag entstanden ist, geht in der Regel von selbst weg, ohne großes Zutun.


1. Viel schlafen

Ich würde mir jetzt fast blöd vorkommen, das als ersten Punkt zu nennen, nur, dass da echt etwas dran ist. Die Basics sind und bleiben einfach die Basics: Damit sich das Gewebe des Körpers gut regeneriert, gib ihm doch jede Nacht acht bis neun Stunden Schlaf. Wenn du zehn Stunden schlafen kannst, dann mach das.


2. Viel Wasser trinken

Ein weiteres Basic: Ausreichend Wasser zu trinken ermöglicht es den Gewebezellen, sich zu erfrischen und Schadstoffe abzutransportieren. Ich empfehle, gleich nach dem Aufstehen mindestens einen Dreiviertelliter zu trinken; wenn du einen Schuss Zitrone oder Limette hinzugibst, schürst du den Entgiftungsprozess an.


3. Atmen

Bei Schmerzen kann sich die Tendenz etablieren, dass wir unwillkürlich die Luft anhalten. Muskeln werden auch durch einen Sauerstoffmangel eng, und somit verstärkt sich das Bild. Deshalb: Atme voll ein und aus, und schau, ob sich dein Körper mit öffnen kann mit deiner Atmung. Du kannst dir zum Beispiel vornehmen, drei Mal am Tag drei tiefe Atemzüge zu holen. Frage an dich: Hältst du die Luft an, während du das hier liest?


4. Vermeide es, den betroffenen Körperteil zu isolieren

Wenn etwas wehtut, kommen wir in die Versuchung, diesen Bereich zu untersuchen und zu bewegen, zu erforschen, welche Bewegungen schmerzhaft sind. Dieses zerstückelt deinen Körper in unterschiedliche Teile, und mit einiger Wahrscheinlichkeit ist das der Grund, warum du in dieser Situation angekommen bist.


5. Fühle dein Eigengewicht

Ich beobachte bei Menschen, die Schmerzen haben, dass sie sich körperlich zusammenziehen und keinen guten Kontakt zum Boden haben, sei es beim Stehen oder beim Gehen. Mein Vorschlag: Gehe auf der Straße so, dass du dein Gewicht spürst. Mache dir bewusst, wie das Gewicht sich vom einen Fuß auf den anderen verlagert. Dadurch könnte es sein, dass du langsamer gehst als sonst. Wie fühlt sich diese neue Art zu gehen an? Und wie ist deine Atmung?


6. Unternimm etwas, das dir Freude bereitet

Wenn du die Chance hast, nimm den Zug, den Bus, dein Fahrrad or einfach deine Füße in die Hand und verbringe Zeit in der Natur – selbst wenn es gerade schneit. Aber es muss nicht unbedingt draußen sein. Was tust du besonders gerne? Backen, tanzen, schreiben, mit einer guten Freundin telefonieren? Gib dir das, was du gerade brauchst, lass einfach deine Seele baumeln. Ja, du darfst. Gerade jetzt.


7. Übe nur, wenn du keine Schmerzen hast

Zu Üben, während du Schmerzen hast, würde deine Verletzung stabilisieren. Außerdem gewöhnt sich unser Körper an quasi alles (wie du bereits festgestellt haben solltest). Nimm tiefe Atemzüge, dann übe für ein paar Minuten, dann ruhe dich aus. Weniger ist hier mehr. Selbst, wenn du nur die erste Note vom Beethoven-Konzert spielen kannst. Mit der Zeit, wirst du die anderen Noten spielen, die folgen.


Bonus Tipp: Übe ein Stück, zu dem du dich emotional verbunden fühlst

Verletzungen beim Spielen kommen oft durch wiederholte Bewegungen ohne musikalische oder emotionale Intention. Deshalb, um die emotionale Verbindung zur Musik wiederherzustellen, und vielleicht auch um dich selbst zu motivieren (»Ich werde dieses Stück spielen / singen können!«), verbringe Zeit mit einem Stück, das dir etwas bedeutet, genieße den Klang. Hier ist außerdem noch ein Beitrag von mir, wie du während des Musizierens deinen Körper befreist.


Fazit: Die musikalische Emotion beim Musizieren ist entscheidend

Es gibt Wege für dich zurück in ein fließendes, erfrischendes Musizieren. Im Zentrum geht es für mich darum, deine eigene Emotion und Verbindung zur Musik wiederherzustellen. Denn meistens liegt es daran, wenn Musikerinnen und Musiker sich Verletzungen beim Üben und Spielen zugezogen haben.

Wir können die äußeren Umstände nicht ändern, wir können nur ändern, wie wir darauf reagieren. Dein Körper ist dafür gemacht, sich selbst zu heilen. Das ist kein woo-woo, das ist Biologie.⠀

Gib deinem Körper Raum zu heilen.

Und vor allem, gib dir selbst Raum. Sei geduldig mit dir selbst. ❤️ Du schaffst es, du wirst wieder spielen. In meinem kostenlosen E-Book gebe ich dir 5 Wege mit, wie du einen ganzheitlichen Ansatz ganz konkret beim Üben einsetzen kannst. Einen Schritt nach dem anderen. Hier kannst du es dir kostenlos herunterladen.



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Dieser Text ist rein informativ und ersetzt keinen medizinischen Rat. Wenn du Schmerzen beim Musizieren verspürst, wende dich bitte an die Ärztin oder den Arzt deines Vertrauens.

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