Mitte Mai, nach acht Wochen und drei Tagen ohne Umarmungen, gab ich mich schließlich selbst in Adoption.

Wie ich vorher nicht auf diese Idee gekommen war, ist mir schleierhaft.

Meine Nachbarin und ich hatten Wochen vorher ein Ritual etabliert, uns sonntags zu treffen, um lange Spazieren zu gehen - auf Abstand. Ihre Kinder unternahmen etwas mit dem Papa und wir gingen in den Wald. Zum Abschied gab es keine Umarmung. Das machten wir einige Wochen lang so.

Bis ich eines Morgens mit dem Gedanken aufwachte: Ich könnte mich doch mit meiner Nachbarin und ihrer Familie mit isolieren. Dann könnte ich Umarmungen von sogar mehreren Menschen bekommen, auf einmal.

Ich rief sie an. Ja, das machen wir, sagte sie. Die Kinder wĂŒrden sich auch sehr freuen. Ob ich denn nicht zum Abendessen vorbeikommen wolle?

Ich zog mein schönstes Kleid an und bereitete mich innerlich vor, Menschen wieder nahe zu sein. Ich hatte das komplett verlernt.

"Hast du dich schick gemacht!", sagte die Tochter meiner Nachbarin. Ich musste lachen. "Ein besonderer Anlass verlangt nach einem besonderen Kleid“, sagte ich.

Wir beschlossen, dass ich den Kindern vorlesen sollte, wÀhrend die Mutter das Abendessen fertig machte.

Die Kinder schmiegten sich an mich, um ja alles von den Bildern im Buch mitzubekommen.

Dann war das Essen fertig. Gnocchis mit Salat.

Wir saßen zu fĂŒnft am Tisch und es war aufregend, und schrĂ€g, und schön.

Wir löffelten aus demselben Pestoglas.

Die Kinder boten mir ApfelstĂŒcke an, die ich ihnen gerne von ihren kleinen HĂ€ndchen abnahm.

Seit diesem Tag, zusÀtzlich zu unseren etablierten SpaziergÀngen, gehe ich einmal die Woche mit meiner Nachbarin zum Spielplatz. Wir reden und schauen den Kindern zu. Allen Kindern, nicht nur die von meiner Nachbarin.

Sie schaukeln, toben, klettern, werfen, buddeln zusammen, tauschen Bagger aus. Sie fassen dieselben Stangen an. Da kommt keiner und wischt alles weg.

Es ist Ischgl all over again.

Auch daran musste ich mich erstmal gewöhnen.

Aber jetzt will ich es auch gar nicht anders haben.

Denn seitdem ich einmal die Woche in Ischgl bin, bekomme ich auch regelmĂ€ĂŸig Umarmungen. "Maria gehört jetzt ein bisschen zur Familie", sagte die Tochter meiner Nachbarin letztens.

Der springende Punkt?

Ich musste danach fragen.

Acht Wochen und drei Tage hatte ich ohne Umarmungen ausgehalten, bis ich merkte, ich habe es ja in der Hand. Ich kann mich entscheiden, jemanden zu fragen.

Und dann habe ich sie auch bekommen.



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