"Wir glauben, er ist sehr musikalisch", sagt mir seine Mutter am Telefon. "Er hat sich immer zur Musik hingezogen gefühlt. Wir suchen eine liebe Klavierlehrerin, damit er Freude am Klavier haben kann, ohne gleich zum Profi zu werden."

Sie erzählt mir von ihrem 9jährigen Sohn Tim und seinen ersten Erfahrungen am Klavier, einschließlich ca. zwei Jahre Unterricht bei einem früheren Lehrer, den sie als "streng" bezeichnet. Tim hatte am Ende bei jeder Stunde geweint. Nach einiger Zeit, wollte er nicht mehr zum Unterricht. Das ist etwa anderthalb Jahre her.

Ich rechne im Kopf nach. Das bedeutet, dass er mit 5-6 Jahren angefangen hat.

Wir vereinbaren eine Probestunde, und ein paar Tage später sind sie da, an meiner Tür.

Er ist ein sensibles, aufgewecktes Kind, tritt schüchtern herein, seine Mutter lächelnd hinter ihm. Sie setzt sich hin, um zuzuhören.

Ich frage Tim, ob wir gleich am Klavier anfangen sollen? Er ist einverstanden.

Er setzt sich ans Klavier, als ich ihm die erste Frage stelle: "Also, was spielst du denn gerne wenn du zuhause am Klavier sitzt?"

Er antwortet: "Ich kann kein Klavier spielen."

Das bricht mir das Herz.

"Na, du probierst doch bestimmt Sachen aus, nicht wahr?"

"Ich kann aber nicht spielen", wiederholt er.

Es ist zu offensichtlich, dass das nicht stimmen kann, und gleichzeitig hat es keinen Sinn, mit einem 9jährigen über seine musikalischen Fertigkeiten zu argumentieren. Dies ist eine schmale Gratwanderung: wie verbinde ich ihn schnellstmöglich mit der Musik? Ich beschließe, mit ihm zu improvisieren und zu sehen, was passiert. "Sollen wir etwas zusammen am Klavier spielen?"

"Aber ich weiß nichts."

Das ist es schon wieder.

Ich beginne, den Einfluss des früheren Lehrers zu begreifen, und auch den Mut, den es gebraucht hat, wieder Klavierstunden aufnehmen zu wollen.

"Ach, aber wir spielen einfach irgendwas. Schau, das ist ganz einfach. Jeder von uns spielt nur einen Ton." Ich setze mich neben ihn ans Klavier, auf meinen Stuhl.

Er spielt einen Ton. Ich spiele einen anderen. Ich sage ihm, er soll darauf hören, wie mein Klang sich verändert, wenn er den nächsten Ton spielt.

Das machen wir eine Weile lang. Dann entscheide ich, das Ganze aufzuschütteln, mehr Klänge anzubieten, mehr Bewegung in der Musik, und höre auf seine Reaktion. Er weiß sofort was zu tun ist. Er antwortet, bewegt die Musik mit, spielt lauter, spielt leiser. Er spielt. Wir machen weiter. Wir spielen einfach. Er öffnet sich, hört und reagiert. Er spielt wunderschön. Wir lassen die Musik dahin gehen, wo sie hingehen möchte, bis sie irgendwann versiegt und stehenbleibt. Dann sitzen wir da, still. Er baumelt mit den Beinen.

"Das war schön", sage ich. "Vielen Dank."

Er nickt. "Mir hat's gut gefallen", sagt er und lächelt für sich.

Da weiß ich, dass ich verschiedene Übungen mit ihm probieren kann. Wir gehen über die Tasten rauf und runter. Er kann Dinge ganz einfach verändern, wenn ich ihn dazu auffordere. Danach schauen wir uns das Innere vom Klavier an. Was passiert da drin, wenn wir eine Taste spielen? Wir reden und forschen. Ich stelle ihm fragen und er antwortet. Er stellt mir Fragen und ich antworte. Danach singen wir und spielen ein Lied zusammen. Dann sind wir fertig. Für heute ist gut.

Seine Mutter fragt ihn, möchte er gern, dass ich seine neue Klavierlehrerin werde? Er sagt ja. Er ist etwas verlegen. Wir brechen zu dritt in Kichern aus.

Ich freue mich, dass Tim mein neuer Schüler wird. Ich hab was übrig für Spieler, die alles in sich haben, um gute Musiker zu werden, aber das Gegenteil von sich denken. Meine eigene Laufbahn war holprig genug, dass ich weiß: alle können alles lernen, im eigenen Tempo, wenn die richtigen Werkzeuge zur Verfügung stehen.

Ich bringe Tim und seine Mutter zur Tür, schätze mich privilegiert: andere Musiker auf ihrem Weg zu begleiten ist der faszinierendste Teil meiner Arbeit. Ich freue mich schon darauf, mit Tim ein Stückchen seines Weges zu gehen.


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